Es war ein unfassbarer Augenblick, als ich am 3.3.2018 in der Heeresbäckerei in Berlin im Publikum saß und der diesjährigen Preisverleihung des CRAFT SPIRITS FESTIVAL DESTILLE BERLIN lauschte. Medaillen wurden verliehen und Laudatio verlesen. Auf einmal fiel da der Name meines Urgroßvaters und mir wurde ganz warm ums Herz… Seitdem werden mir zwei Fragen immer wieder gestellt: Was genau bedeutet für dich eigentlich Craft Spirits? Und: Wieviele Brennerinnen gibt es eigentlich??

 

„Das Brennrecht erhielt erstmals Urgroßvater Ludwig. Es ging über an den Sohn und eine Generation weiter wieder an den Sohn und … 2015 dann an die Tochter. Franziska Bischof heißt sie, seit drei Jahren führt sie im unterfränkischen Wartmannsroth vollverantwortlich die Brennerei in vierter Generation. Sie absolvierte die Ausbildung zur Edelbrandsommelière an der TU Weihenstephan, die Berufsausbildung als staatlich anerkannte Brennerin hat sie im Mai 2017 an der Bayerischen Landesanstalt für Wein- und Gartenbau mit „Sehr gut“ abgeschlossen. Gleich ihr Erstling war ein Whisky, der „Rebell“. Vielleicht steckt da auch etwas von ihr selbst drin: Sie hat den Familienbetrieb umgekrempelt, nennt sich „Franziska – Die Brennerin“ und hat jüngst die „Destillathek“ eröffnet, ein Quader aus Sichtbeton und mit großen Fenstern, der schon architektonisch zeigt, dass hier ein neuer, diesmal weiblicher Wind weht. – DESTILLE BERLIN verleiht Franziska Bischof den Titel „Female Distiller of the Year 2018″.“

 

So die Laudatio, die die Beweggründe der Fachjury für diesen Sonderpreis wohl widerspiegelt. Die Organisatoren Thomas Kochan und Theo Lightart veranstalteten nun bereits zum siebten Mal die DESTILLE BERLIN, die sich in Fachkreisen als die bedeutungsvollste Craft Spirits Messe Europas etabliert hat. Spirituosenmessen gibt es zuhauf. Aber hier liegt der Augenmerk wirklich auf den handgefertigten Bränden, Geisten und Likören, die ohne Zusatz von Aromaextrakten oder Farbstoffen hergestellt werden. Das ist die unabdingbare Voraussetzung, um als Aussteller an der Messe teilnehmen zu können oder um seine Produkte zum Wettbewerb einzureichen. In diesem Jahr wurden zudem erstmals Sonderpreise verliehen, beispielsweise für Outstanding Innovation (an dieser Stelle nochmal Glückwunsch an Mikko Mykkänen von der The Helsinki Distilling Company, Finnland), für Farm-to-shaker Barkeeper of the year (Glückwunsch nochmal an Ruben Neideck von der Velvet Bar, Berlin) oder eben auch für die Best female distiller. Ich wusste zwar, dass ich neben zwei grandiosen Brennerinnen auf der Short List stand (Herzlichen Gruß an Cornelia Bohn von der Preussischen Whisky Destillerie und Karina Abad, Brennerin der Mezcal Brennerei ‚Mezcal Los Danzantes‘ in Mexiko, die auch beide den Titel verdient hätten), hätte aber niemals damit gerechnet, dass die Auszeichnung tatsächlich ins fränkische Örtchen Wartmannsroth zu einer kleinen, landwirtschaftlichen Abfindungsbrennerei gehen könnte. Genau deshalb war ich auch wirklich zu Tränen gerührt und mein Herz schlug bis zum Hals, als Thomas Kochan den Namen meines Urgroßvaters erwähnte und die Laudatio verlaß. Es bleibt ein unvergesslicher Moment.

 

Genau das ist das Wunderbare am Craft Spirits Trend, wenn man ihn mal richtig verstanden hat: hier geht es nicht um Firmengröße, Werbebudget oder Kapitalmacht. Hier dreht es sich vielmehr um Ideologien, Wertvorstellungen und Qualität. 

 

Als Kleinbrenner stoße ich immer wieder an meine Grenzen und auf Probleme aufgrund der sehr kleinen Firmengröße. Verhandlungsposition bei Abnahme von 2000 Korken im Jahr im Vergleich zu 200.000 Stück? Reklamationsabwicklung? Anzeigenbasierter Journalismus? Da kann ich mit meinen großen Kollegen nicht mithalten. Ich muss vielmehr auf menschliches Miteinander und Mundpropaganda hoffen. Und da liegt letztendlich auch der Vorteil: wer, wenn nicht die Kleinbrenner, können glaubhaft ‚Craft Spirits‘ herstellen?

 

Erst kürzlich wurde ich in einem Interview gefragt, was dieser Ausdruck für mich eigentlich bedeutet: Craft Spirits
Ganz ehrlich, Craft Spirits sind ja nichts neues. Es ist nur ein neuer Begriff für etwas, das es schon seit Jahrzehnten gibt, von dem aber viele scheinbar nichts wussten. Natürlich gibt es eine sehr dominante Spirituosenindustrie in Deutschland und weltweit. Aber neben diesen Weltmarktfirmen gibt es beispielsweise in Süddeutschland seit über 100 Jahren zig tausende Abfindungsbrennereien, jede limitiert auf 300 Liter Alkoholpoduktion im Jahr, jede mit landwirtschaftlichem Betrieb, aus dem die Rohstoffe stammen, jede mit Familienrezepten und Überlieferungen, Traditionsbränden und Handwerkswissen. Brennereien eben, wie unsere.  Für mich sind Craft Spirits natürlich hergestellte Spirituosen, über Vergärung oder Mazeration und Destillation. Ohne Zusatz von Aromaextrakten (egal ob natürlich oder nicht) oder Farbstoffen. Darüber hinaus aber noch mehr: nur ein Craft distiller kann auch Craft Spirits herstellen. Und dazu braucht es nicht nur ein Labor oder eine Brennereianlage. Dazu gehört auch die Philosophie des Brenners, seine Naturverbundenheit, sein Fachwissen. Im idealen Fall ist ein Brenner auch Landwirt. Das gehört für mich zusammen.
Ein guter Wein stammt ja auch vom Winzer, der seine Weinberge selbst bewirtschaftet. Da sind wir uns alle einig denke ich.

Meine Utopie? 
Kleine Brennereifamilienbetriebe verteilt über ganz Deutschland, die ihre Rohstoffe anbauen und ihre Familie vom Brennerhandwerk ernähren können. So wie es die Winzer tun.

An alle, denen noch folgende Frage auf den Lippen brennt: Braucht es wirklich einen geschlechtsspezifischen Sonderpreis für Brennerinnen?
Nein, nicht unbedingt. Es braucht auch nicht unbedingt einen Preis für Nachwuchsbrenner. Aber ich denke, diese Auszeichnungen sind fördernd.
Es gab sie schon immer, die Frauen vor dem Brennkessel. Nur wurden wir nicht richtig wahrgenommen oder manchmal eben auch unterschätzt in der bislang noch immer männerdominierten Branche. Auch ich hatte zu anfangs mit dem Vorwurf zu kämpfen, dass ich mich nur als Brennerin darstelle, tatsächlich aber nur die Brände meines Vaters verkaufe. Auf Messen kommt es bisweilen vor, dass ich zunächst ‚nur’ als Hostess vermutet werde und erst wenn ich fachkundig genug auftrete fällt irgendwann der Groschen: „Ach, das machen Sie selbst? Sie sind die Brennerin?“ Einmal habe ich auch ein ganz erstauntes und positives Feedback erhalten, weil meine Brände so ehrlich und markant sind und durchaus ihren Mann stehen. Man hätte sich eher liebliche Spirituosen und Likörchen erwartet.

Also, da können wir durchaus mithalten. Wir stehen unseren Mann.